Bürgerverein „Sauberes Delitzscher Land“ e.V.
vertreten durch Dietmar Mieth
Alter Dorfring 22
04509 Delitzsch OT Zschepen

Delitzsch, den 27.06.2006




Staatsanwaltschaft Leipzig
Straße des 17. Juni 2
04107 Leipzig

Strafanzeige

Hiermit stellt der Bürgerverein „Sauberes Delitzscher Land“ e.V. gegen den Betreiber der Lagerhalle zur zeitweiligen Zwischenlagerung von brennbaren Abfällen (heizwertreiche Fraktion aus der MBA Cröbern; AVV 19 12 10) am Standort Eilenburger Chaussee (Halle Ziehwerk), den Geschäftsführer

Herrn Heinz Böhmer
Kreiswerke Delitzsch GmbH
Benndorfer Landstraße 1
04509 Delitzsch

Strafanzeige wegen der unhaltbaren Zustände bei der Zwischenlagerung der o.g. Abfälle, die zu massiven Gefährdungen der Umwelt, der Gesundheit sowie der Sicherheit der anwohnenden Bürger geführt haben und auch weiterhin führen müssen.

Die seit Beginn der Zwischenlagerung aufgetretenen intensiven Geruchsbelästigungen führten und führen auch gegenwärtig noch zu wesentlichen negativen Beeinträchtigungen der Lebensqualität der Anwohner. Allein schon diese Tatsache zeigt, dass die zwischengelagerten Abfälle nach dem geltenden Genehmigungsbescheid des RP Leipzig vom 30.09.2005, der den Bescheid vom 04.04.2003 fortschreibt, niemals hätten angenommen werden dürfen.

Die trotzdem zwischengelagerten Abfälle haben seit etwa April 2006 eine höchstproblematische Eigendynamik verursacht, die darin besteht, dass eine explosionsartige Kakerlakenvermehrung in Verbindung mit Wanderungsaktivitäten der Kakerlaken stattgefunden hat, die nicht auf dem Gebiet des ehemaligen Ziehwerkes beschränkt blieb, sondern in unerträglicher Weise die benachbarten Gärten und Wohnbebauungen durch unzählige Kakerlaken verseucht hat und weitere Gefahrenpotentiale in sich birgt (z.B. Infektionsrisiken für die betroffenen Anwohner und deren Lebensgrundlagen, Auslösung von Allergien, hohe psychische Belastungen usw.).

Das Ausmaß dieser Kakerlakeninvasion, die mittlerweile zur Plage der betroffenen Anwohner geworden ist, ist durch die in der Anlage beigefügten Fotos dokumentiert.
Unstrittig ist zu erkennen, dass mittlerweile massive Bedrohungen eingetreten sind, die zwingend verlangen, dass die seit kurzem begonnenen Bekämpfungsmaßnahmen noch intensiver und effektiver gestaltet werden müssen und vor allen die Ursache der Kakerlakenvermehrung fachkundig beseitigt werden muss, d.h. die zwischengelagerten Abfälle müssen möglichst schnell und komplett aus dem Zwischenlager Ziehwerk fachkundig entfernt und schadlos entsorgt werden.

Die Abfälle, die seitens der KWD verharmlosend als „Mischkunststoffe“ bezeichnet werden, sind energiereiche Reststoffe (heizwertreiche Fraktion), die aus der biologischen Behandlung (MBA) von Siedlungsabfällen stammen und durch biochemische Reaktionen bereits maßgeblich beeinflusst sind, so dass allein durch die monatelange Zwischenlagerung das latent vorhandene Gefährdungspotential dieser heizwertreichen Fraktion sich noch weiter erhöhen muss.

Neben der Kakerlaken-Plage besteht folglich ein ständig steigendes Brandrisiko, dass von der zwischengelagerten heizwertreichen Fraktion weiterhin ausgehen muss. Durch autokatalytische Reaktionsprozesse an der äußeren Oberfläche sowie im Inneren der Abfallhaufen werden zusätzliche Zersetzungsprozesse initiiert, in deren Folge sich leicht entzündliche und zumeist auch toxikologisch bedenkliche Zersetzungsprodukte (Monomere sowie deren Umlagerungsprodukte und Isomere) bilden.

Diese niedermolekularen Zersetzungsprodukte mit niedrigen Flammpunkten können unter Nutzung von Luftsauerstoff mittels Selbstentzündung die erforderlichen Aktivierungsenergien aufbringen, um weitere (vorrangig verzweigte) Kettenreaktionen zu generieren, in deren Folge sich lokale Brandherde bilden, die sich zum Großbrand entwickeln können.

Die nachfolgende Kurzbetrachtung soll dazu dienen, aus chemischer Sicht in gestraffter Form die grundlegenden Reaktionsabläufe und wichtigsten Reaktionsprodukte darzustellen, die bei derartigen Brandereignissen auftreten müssen. In diesem Zusammenhang werden natürlich auch die wesentlichsten unstrittigen Folgewirkungen der relevanten Reaktionsprodukte auf die Umwelt bzw. auf die Gesundheit des Menschen betrachtet:

Die deponierte heizwertreiche Fraktion ist keinesfalls einheitlich strukturiert. Sie besteht aus zahlreichen verschiedenen Sorten mit unterschiedlichen Polymer- bzw. Copolymerstrukturen, die wiederum durch zahlreiche Inhaltsstoffe (Weichmacher, Stabilisatoren, Pigmente, usw.) dem früheren Verwendungszweck angepasst worden sind. Darüber hinaus sind insbesondere die Kunststoffverpackungen durch äußerlich aufgebrachte Farben und Etiketten zusätzlich mit Haftvermittlern, Farbstoffen usw. versehen.

Dieser „Chemikaliencocktail“ muss im Falle eines Brandes zu außerordentlich komplexen Reaktionen mit gravierenden Folgen führen.
Diese komplexen Reaktionen führen zu zahlreichen Pyrolyse-, Spalt- und Umlagerungs-produkten, die durch weitere (vorrangig thermodynamisch kontrollierte) Umwandlungs-prozesse stabilisiert werden und sich danach im Verbund mit anderen stabilen Verbrennungs-produkten (wie z.B. Ruß, Wasserdampf) ausbreiten. Kontaminierter Kohlenstoff (Ruß) entsteht beim Verbrennen von organischen Stoffen (vor allem Polymere/Copolymere mit aromatischen Grundstrukturen). Darüber hinaus werden natürlich weitere zahlreiche gasförmige Schadstoffe eigenständig und/oder mit Hilfe von Wind, Wasserdampf, CO2, CO, Staub usw. als Aerosole gemeinsam mit dem Rauch weiträumig über den Luftpfad verteilt.

Beim Verbrennen von halogenhaltigen Kunststoffen (vor allem PVC) entstehen durch die Pyrolyse der Makromoleküle äußerst bedenkliche Verbindungen (Dioxine/Furane, kanzerogene und giftige Monomere wie z.B. Vinylchlorid und Perfluorverbindungen, Chlor und Chlorabkömmlinge, Salzsäure, Fluorwasserstoff usw.), die über den Rauch weiträumig verteilt werden können. In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass sehr viele gefährliche Gase farblos und z.T. auch zusätzlich geruchlos sind. Diese nichtsichtbaren Rauchanteile wie z.B. Blausäure (HCN), Kohlenmonoxid (CO), Schwefelwasserstoff (H2S), Perfluorisobuten sind oft besonders heimtückisch in ihrer Wirkung.

Die bereits eingetretenen massiven Belästigungen durch Gerüche und Kakerlaken sowie die äußerst bedenklichen Brandentstehungspotentiale, die mit der Zwischenlagerung der heizwertreichen Fraktion im Ziehwerk Delitzsch zweifelsfrei im kausalen Zusammenhang stehen, sind wesentliche Gründe für unsere Forderung, diese heizwertreiche Fraktion sofort aus der Ziehwerkhalle zu entfernen und ordnungsgemäß zu entsorgen.

In diesem Zusammenhang müssen von den betroffenen Anwohnern wegen der bereits eingetretenen massiven Schäden und wegen der drastischen Verminderung der Lebensqualität durch die Geruchs- und Kakerlakenbelästigungen zur gegebenen Zeit relevante Schadensersatzansprüche, Schmerzensgelder und Aufwandsentschädigungen geltend gemacht werden.

Darüber hinaus fordern wir im Lichte der Erkenntnisse aus der Zwischenlagerung im Ziehwerk, dass jedwede Form einer Zwischenlagerung der in Rede stehenden weiteren heizwertreichen Fraktionen, die wiederum aus der MBA Cröbern stammen sollen, höchstproblematisch ist und deshalb die von den KWD anvisierte Genehmigung einer Zwischenlagerung auf der Deponie Spröda vom RP Leipzig nicht erteilt werden darf.

Stattdessen muss vom KWD- Management und von den anderen zuständigen Institutionen endlich eine nachhaltig schlüssige und effiziente Abfallwirtschafts-konzeption für den LK Delitzsch erstellt und rechtskonform praktiziert werden.



Wir bitten darum, diese Anzeige auf Grund und ihrer Dringlichkeit in einem beschleunigten Verfahren innerhalb kürzester Frist zu bearbeiten und zu entscheiden.

Alle Unterzeichner dieser Anzeige sowie der Sachbeistand unseres Bürgervereins stehen zur Klärung relevanter Fragen jederzeit zur Verfügung.



Der Vorstand
des Bürgervereins „Sauberes Delitzscher Land“ e.V.

Dietmar Mieth

Gabriele Lippert

(DC Sieghard Weck; Sachbeistand)

Anlage
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Eingangsbereich des WEV Cröbern

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Die Lagerung der heizwertreichen Fraktionen erfolgt in Ballenform auf befestigtem Untergrund. Die Zwischenlager sind mit Brandmauern und weiteren Einrichtungen zum Schutz des Grundwassers und des Bodens versehen. Probleme mit Ungeziefer bestehen in Cröbern nicht.


Ehemalige Ziehwerkhalle Delitzsch

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Ostseite des 216 x 72 Meter großen Zwischenlagers auf dem Gelände des ehemaligen Ziehwerkes

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Östliches Tor des Zwischenlagers

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Nach der ersten Bekämpfungsmaßnahme am östlichen Tor tote und zum Teil noch lebende Kakerlaken.

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Im Inneren der Halle hinter dem östlichen Tor.

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Kakerlaken auf dem Betonfußboden im Inneren der Halle. Im Hintergrund sind die aus Cröbern stammenden heizwertreichen Abfälle zu sehen.

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Im Inneren der Halle.

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Im Inneren der Halle nach der ersten Bekämpfungsmaßnahme.

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Ratten-Köderbox im Inneren der Halle

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Exkremente von Ratten im Außenbereich (nördliches Tor). Die Ratten fraßen zuvor hauptsächlich Kakerlaken. Als Beweis gelten die nicht verdauten Chitinpanzer, die über die Hälfte der Ausscheidungsmenge ausmachen.

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An diesem Tag stank es wieder bestialisch. Ein Grund mehr hinein zu schauen.
Heizwertreiche Abfälle aus Cröbern und defekte Dachentwässerungen. Ein idealer Nährboden für Ungeziefer.

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Defekte Dachflächen bewirken bei Niederschlag ein zusätzliches Vernässen der eingelagerten Abfälle.


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